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Autoreninterview mit Andrea Reinhardt

"Wenn ich eine Story zu Ende erzählt habe, ist es, als komme ich von einer langen Reise nach Hause, während der ich in verschiedene Rollen geschlüpft bin. Ich habe die Charaktere gespielt, war Opfer, Täter, Zuschauer und Held zugleich." Andrea Reinhardt

(c) A. Reinhardt
(c) A. Reinhardt

 

 

Liebe Andrea, ich danke dir, dass du du dir die Zeit nimmst, mir meine Fragen zu beantworten. Beginnen wir zunächst mit deinem aktuellen Buch, einem Thriller mit dem Titel „Gläserne Hölle“. Worum geht es darin?

 

In „Gläserne Hölle“ treibt ein Killer ein perfides Spiel. Er sperrt eine von sich aufgestellte Familie in ein gläsernes Zimmer. Die „Familienmitglieder“ sind nicht ohne Grund ausgesucht.

Die Kripoarbeit übernimmt Oberkommissar Konrad Malter und seine jüngere Partnerin Susanne Liebert, die mit ihrer etwas kindischen und neckischen Art so einigen auf den Nerv geht, jedoch irgendwo auch sehr liebenswert ist. Sie stoßen auf ein Grab, dass aussieht, als wäre eine sich liebende Familie darunter begraben. Doch die Ermittlungen zeigen schnell, dass da etwas anderes dahintersteckt.

 

Wie bist du auf die Idee gekommen?

 

Das kann ich gar nicht mehr sagen. Das Buch ist schon vor zwei Jahren entstanden, doch es brauchte etwas Zeit, um zu reifen, da ich mich erst einmal von meiner Triologie verabschieden musste. Meist sind meine Ideen aber relativ spontan, sie schießen mir einfach so in den Kopf. 

 

„Gläserne Hölle“ ist dein viertes Buch. Zuvor hast du einen Thriller-Dreiteiler um die FBI-Sonderermittlerin Natalie Bennett geschrieben, der bei den Lesern sehr gut ankam. Schauplatz ist Chicago. Warum das FBI? Und warum hast du keinen deutschen Schauplatz gewählt? 

 

Das ist eine gute Frage. Darüber habe ich gar nicht nachgedacht. So spontan die Idee kam, ein Buch zu schreiben, so spontan kam auch Chicago. Davon mal abgesehen, dass ich die Stadt gern einmal bereisen möchte, klingt der Name einfach auch gut für ein Schauplatz. Mir hat es riesigen Spaß gemacht, über Google Earth Schauplätze zu erkunden. Alle Orte, die ich in den Büchern beschrieben habe, sind echt und Traumplätze. Eines Tages werde ich mir den Traum erfüllen und dort hinreisen. Ja und das FBI hat sich dann durch die Ortswahl ergeben. Die Recherche dazu war nicht einfach. Aber ich hatte einen guten Ansprechpartner. 

 

Du bist erst 2016 zum Schreiben gekommen bist, als du einen Film gesehen hast. Magst du kurz erzählen, was dich darin zum Schreiben inspiriert hat und wie du dann vorgegangen bist?

 

Eigentlich hat mich nur ein einziger Satz getriggert. Ich hatte im Sommer 2016 meine Stelle reduziert, weil mein Sohn eingeschult wurde und ich dadurch etwas mehr zu Hause sein wollte. In diesem besagten Horrorfilm war die Hauptschauspielerin eine Schriftstellerin. Sie sagte: „Wenn ich nicht bald ein neues Buch veröffentliche, werden wir kein Geld mehr haben.“ Und dieser Satz war es. Warum nicht mit einem Buch zusätzlich Geld verdienen. Natürlich bin ich da richtig naiv dran gegangen. Ich habe laut gesagt: Ich schreibe auch einfach ein Buch. Ja, die Zeugen im Zimmer und ihre Gesichtsausdrücke waren herrlich, aber ernst hat es niemand genommen. Und das war wohl ein großer Ansporn. Ich wollte es beweisen. Bereits am nächsten Tag kam die große Ernüchterung, als ich im Internet über das Schreiben recherchiert habe. Sätze wie: In einem Verlag unterzukommen ist fast unmöglich, Kaum ein Autor verdient Geld damit, usw.  Das hat nicht sonderlich motiviert, doch mich auch in keiner Weise davon abgehalten. Also habe ich angefangen mir eine Geschichte auszudenken.

 

Du hast dich also hingesetzt und diesen Plan, ein Buch zu schreiben, umgesetzt. Beeindruckend! Wie hast du dir das Schreiben beigebracht? Hast du Kurse besucht?

 

Nein, ich habe am allermeisten aus Fehlern gelernt. Wie ein Buch aufgebaut sein sollte, habe ich mir über Blogbeiträge von Autoren oder in Büchern über das Schreiben angeeignet. Ich bin einer dieser Autoren, die dachten, wenn die alte Deutschlehrerin mal drüber schaut, ist das okay. Und habe es auch so veröffentlicht. Ich hatte Glück, es kam zwar gut an, aber ich war überhaupt nicht zufrieden. Also habe ich mir doch lieber eine Lektorin gesucht, die das Buch überarbeitet hat. Und durch Lektorat und Fehler habe ich eigentlich auch gelernt. Und das emotionale Schreiben hatte ich wohl irgendwie im Blut. 

 

Du hast einen Sohn und arbeitest in Teilzeit als Fachkinderkrankenschwester auf einer Kinderintensivstation. Ein sehr anstrengender Beruf, der dich sicher sehr fordert. Wie gelingt dir der Spagat als Autorin, Mutter und Berufstätige? 

 

Ich arbeite nur 50 % und meist im Nachtdienst, sodass ich genügend Zeit zum Schreiben habe. Ich schreibe morgens, wenn mein Sohn in der Schule ist oder abends, wenn er im Bett ist. Ich habe gefühlt seit Monaten kein Fernsehen mehr geschaut. Allerdings ist das Schreiben mittlerweile so groß geworden, dass der Spagat mir nicht mehr ganz gelingt.

 

Beeinflussen deine Erlebnisse auf der Kinderintensivstation deine Buchideen? Kinder spielen eine Rolle in deinen Büchern …

 

Etwas schon. Mit Kindesmisshandlung habe ich schon einige Mal zu tun gehabt und man kann gar nicht glauben, zu was manche Menschen in der Lage sind. Ich kann bei solchen Fällen auch leider nicht gut abschalten. „Teufelseltern“ ist schon sicher aus diesem Grund entstanden. Ich möchte zeigen, dass es dieses Thema wirklich gibt und wir lesen fast täglich in der Zeitung, dass es gar nicht unrealistisch ist. 

Also ja, diese Emotionen und Tragik, die ich durch diese Geschichten transportiere, kann ich sicherlich aufgrund meiner Erfahrungen so rüberbringen. 

 

Wie gehst du beim Schreiben vor? Setzt du dir Schreibziele? Welcher Art?

 

Ich setze mir ein Ziel, wann ich in etwa mit einer Rohfassung fertig sein möchte. Da ich mit einer Lektorin zusammenarbeite, die das hauptberuflich macht und dadurch durchorganisiert ist, ist es für mich gut, dass ich bereits mindestens ein halbes Jahr vorher weiß, wann das Manuskript im Lektorat sein muss. So habe ich ein wenig Druck, unter dem ich tatsächlich am besten arbeite. Mein Minimum an Veröffentlichungen sollen mindestens bei 2 im Jahr liegen. Das sind meine Ziele. Mich aber jeden Tag zwingen, zu schreiben, das mache ich nicht, weil es sowieso nicht funktioniert. Ich weiß, wenn ich in einem Flow bin, dann kann ich in relativ kurzer Zeit, viel schreiben. Es gleicht sich also aus. Wenn mein Kopf mit anderen Sachen zu voll ist, dann kommt auch nichts Gescheites zusammen.

 

Hast du Rituale oder Herangehensweisen, die dir dabei helfen, regelmäßig zu schreiben?

 

Nein. Ich muss Lust haben. Da es aber einfach viel Spaß macht, kommt es nicht oft vor, dass ich keine habe. Ich klappe meinen Laptop auf, lese das letzte Kapitel, dass zu der Szene gehört, bzw. lese im Plot nach, was ich schreiben will und dann schreibe ich los. 

Was ich UNBEDINGT noch abstellen muss, ist das Prokrastinieren. Hilfe. Es ist fast automatisiert, dass ich, immer wenn ich anfange zu schreiben, auch auf Instagram unterwegs bin. Das ist schrecklich. 😊

 

Kannst du überall schreiben oder brauchst du eine spezielle Umgebung?

 

Ich brauche Ruhe. Nebengeräusche lenken mich ab. Also draußen irgendwo zu sitzen, da brauch ich gar nicht anzufangen, dass gilt auch fürs Lesen. Ich kann das nicht. Lediglich Lektoratarbeiten kann ich überall machen, da sitze ich auch schon mal in einem Café. Wo Ruhe ist, kann ich auch schreiben.

 

Planst du oder schreibst du deine Romane einfach drauflos?

 

Bisher habe ich nie geplant und es hat auch einigermaßen funktioniert. Mittlerweile habe ich mich aber mit dem Plotten auseinandergesetzt. Mein aktuelles Projekt ist durchgeplottet und jedes Kapitel steht fest. Meist ändert sich doch etwas, es kommt noch was dazu, Charaktere ändern sich. In meinem aktuellen Projekt, dass im November erscheinen wird, musste ich mittendrin anfangen zu plotten, weil ich irgendwie den roten Faden verloren hatte. Und so werde ich auch in Zukunft vorgehen, mir aber immer die Freiheit lassen, es zu ändern. Ein Plot ist ja nicht in Stein gemeißelt und die Figuren handeln manchmal ja doch irgendwie eigen 😉

 

Wie gehst du bei der Entwicklung deiner Figuren vor? Wie hast du Natalie Bennett entwickelt?

 

Ich denke mir immer, bevor ich anfange zu schreiben, die Personen aus. Und gebe ihnen ein paar spezielle Merkmale, wie ich sie gern hätte. Aber meist entwickeln sie sich doch im Schreiben weiter. 

Da Natalie Bennett beim FBI arbeitet, habe ich mir ein Team á la Criminal minds vorgestellt. Die Sendung liebe ich und finde diesen Teamzusammenhalt einfach genial.

 

 

Hast du immer daran geglaubt, dass du es schaffen wirst, deine Bücher zu veröffentlichen?

 

Ich bin durch einige harte Zeiten des Zweifels, der Tränen gegangen. Aller Anfang ist schwer und ich habe schon so einige Male gesagt, hör lieber auf damit. Ich bin eigentlich ein eher schüchterner Mensch und frage mich, wie es dazu kommen konnte, so etwas zu tun. Ich habe wahrscheinlich nie damit gerechnet, dass es so groß wird. Ich wollte es versuchen, es ist gelungen und dann musste ich anfangen an mir zu arbeiten. Mit negativen Kritiken umzugehen, mit sogar heftigen Anfeindungen, oder anderer sinnloser Kommentare. Aber mittlerweile kann ich damit gut leben. Und zum großen Teil herrscht unter den Autoren doch ein gutes und hilfsbereites Klima. 

Es ist ein bisschen wie eine Sucht. Mit jeder Veröffentlichung, bei der auch noch überwiegend gutes Feedback zurückkommt, möchte ich mehr.

 

Könntest du ein Beispiel nennen, was dich besonders

verletzt hat und wie du letztendlich lernen konntest, mit negativer Kritik

umzugehen? Wie hast du es geschafft, dich davon zu lösen?

 

Ich habe gar nichts gegen ein oder zwei Sterne Rezensionen. Ich weiß als professioneller Autor, dass ich nicht jeden Geschmack treffen kann, dass mein Stil nicht jeden umhauen kann. Das ist okay. Aber mich stören Beleidigungen. 

 

Zum Beispiel war Teufelseltern für eine Leserin anscheinend zu seicht und sie hat erstens in meiner Rezi meine Leser angegriffen, in dem sie den Kopf schüttelt, über die Fünfsterne Rezis, was ich schon sehr frech finde. Denn Sie kann ja nicht einfach sagen, nur weil es ihr nicht gefällt, dass die Meinung der anderen auch so sein sollte. Was mich aber sehr gestört hat, ist, dass sie mich als überheblich bezeichnet hat, weil ich das Buch als Thriller bezeichne. Warum sagt man sowas? Damit beleidigt man Menschen, die man nicht kennt. Ich bin alles andere als überheblich. Das genaue Gegenteil. 

Eine Leserin hat zum Beispiel auf Facebook in den Bewertungen geschrieben, dass ich bitte kein Buch mehr schreiben soll. Was soll das? Sie soll einfach keins kaufen, fertig. 

 

Mittlerweile rege ich mich nur noch kurz darüber auf und besinne mich schnell wieder der guten Kritiken, die überwiegen. Ich weiß für mich, ich kaufe keine Rezis, ich zwinge niemanden meine Bücher zu lesen und ich arbeite professionell, gebe viel Geld aus und damit beruhige ich mich. Am Anfang aber haben mich solche Rezis schon sehr zum Zweifeln gebracht.

Konstruktive Kritiken sind in Ordnung. Na klar bin ich da auch im ersten Moment etwas down, reflektiere aber dann. Wird der Stil kritisiert, ist es eben nicht der Geschmack. Denn wenn ich dann jedes Mal etwas ändern würde, würde ich jede Woche eine Neuauflage herausbringen müssen ;-)

Ansonsten nehme ich aber auch viel an und versuche sie etwas besser umzusetzen im nächsten Buch. Zum Beispiel hat mal eine kritisiert, dass ich zu viele Vergleiche ziehe. Also Sätze wie: Sie ..., als wäre ... Das achte ich dann beim nächsten Mal drauf. 

 

Was ich auch lustig finde, sind Lektoren, die bei einem das Lektorat kritisieren. Da schüttel ich den Kopf. Für mich sind das welche, die Kunden suchen. Denn als gute Lektorin, kritisiere ich a) nicht meine Kollegen und b) weiß ein guter Lektor, dass sie nur Vorschläge machen und der Autor entscheidet, ob er es annimmt. Also weiß man doch gar nicht, was mein Lektor beanstandet hat und ich evtl. nicht angenommen habe. 

 

Man muss da einfach ein dickes Fell bekommen und sich niemals kleinreden lassen. Es gibt Menschen, die wahrscheinlich in ihrem Leben unzufrieden sind und immer etwas zu meckern haben. Ich bin froh, dass ich nicht zu so einer Sorte gehöre, denn dieses eine Leben das ich habe, verschwende ich nicht mit belanglosen beleidigungen anderer Menschen. Das hilft mir etwas, darüber hinweg zu schauen. Schließlich bekomme ich nicht oft solches Feedback. Sonst würde ich mir Gedanken machen ;-)

 

Im November 2020 wirst du Vollzeitautorin. Wie kam es dazu und wie fühlst du dich bei diesem Gedanken, endlich so viel schreiben zu können, wie du willst?

 

Ich freue mich riesig auf die Zeit. Natürlich habe ich auch etwas Respekt, ich muss mich jetzt etwas in das Leben als Selbstständige hineinfuchsen. Aber ich bin unglaublich stolz. Ich sage immer, ich habe ausversehen meine Berufung gefunden. Und hoffe, dass ich mich nun rundum wohl und zufrieden fühle. 

Ich habe gemerkt, dass es immer professioneller wurde, ich überwiegend Zeit in die Autorentätigkeit gesteckt habe, kaum mehr Pausen hatte und dann einfach viel mehr verdient habe als in meinem Brotjob. Beides kann ich in diesem Ausmaß nicht mehr leisten und deshalb habe ich diese Entscheidung getroffen. Ich habe mir ein paar Monate Zeit gelassen, aber mein Herz hat gesagt, jetzt ist es an der Zeit. Ich bin sehr dankbar dafür, diesen Traum leben zu dürfen.

 

Was sind deine nächsten Projekte?

 

Im November erscheint mein neuer Thriller und auch das Jahr 2021 ist geplant. Mindestens 2 Thriller, vielleicht noch ein dritter. Aber mehr wird da noch nicht verraten.

 

Gibt es einen Tipp, den du Schreibenden mitgeben möchtest?

 

Ich kann da nur wie die meisten Autoren sagen: Dranbleiben. Never give up. Möchtest Du erfolgreich sein, gehört viel Fleiß hinein. Man muss dahinterknien, man muss sich weiterentwickeln wollen. Man muss Niederlagen einstecken, man muss verzweifeln. Man muss mutig sein. Und man muss von dem Denken weg, dass man mit einem Buch schon ganz oben ankommt. Klar gibt es da Beispiele, bei denen es geklappt hat. Aber bei den meisten gab es viele Absagen vorher. 

Man sollte sich nicht mit anderen Autoren vergleichen. Bei dem einen kommt der Erfolg früher, bei dem anderen später. Hier kommt es einfach auf das Durchhalten an. In jedem Fall: Geh Deinen Weg! Und habe Spaß an der Arbeit.

 

Vielen Dank, liebe Andrea, für dieses sehr ehrliche Interview!

 

Im Internet findet ihr Andrea Reinhardt hier:

 

Homepage: https://www.andreareinhardt.de

Buchtrailer: https://www.andreareinhardt.de/buchtrailer/

instagram: andrea.reinhardt_autorin

 

 

 

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