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Autoreninterview mit Karin Seemayer

Karin Seemayer kommt aus dem schönen Taunus. Nach dem Abitur 1979 machte sie eine Ausbildung zu Reiseverkehrskauffrau, arbeitete am u.a. Frankfurter Flughafen im Bereich Businesstravel und war berufsbedingt viel unterwegs. Ihre ersten Geschichten schrieb sie als Teenager und Anfang 20Jährige, danach folgte eine lange Pause bis es sie 2011 wieder packte.

Liebe Karin, im Juli 2019 ist der dritte Teil deiner Toskana-Saga erschienen: „Sterne über der Toskana“. Worum geht es?

 

Um die junge Gianna, die behütet auf einem Weingut aufwächst und ihr Leben klar vor sich sieht: Sie wird ihren Verlobten heiraten, in den sie schon lange verliebt ist, und mit ihm glücklich bis ans Ende ihrer Tage leben. Doch dann brechen Unruhen aus und drohen alles Glück zu zerstören. Ihre Familie und die ihres Verlobten stehen auf gegnerischen Seiten.

Gianna steht vor den Scherben ihrer Träume. Ihr Weg führt sie in die Fremde, nach Genua und Mailand. Doch erst in den Wirren des 2. Italienischen Unabhängigkeitskrieges erkennt sie, wo ihr Herz wirklich zu Hause ist.

 

Die Toskana im 19. Jahrhundert ist der Handlungsschauplatz deiner Romane. Gibt es einen persönlichen Bezug zur Toskana? 

 

Mein Vater besaß 30 Jahre lang ein Haus in der Maremma, in der Nähe von Donoratico. Zwischen 1986 und 2015 waren mein Mann und ich (später dann mit unseren Kindern) mindestens einmal im Jahr dort. Ich habe der Protagonistin aus meinem ersten Roman (Die Sehnsucht der Albatrosse) italienische Wurzeln gegeben – und fand dann später die Idee reizvoll, das Leben ihrer Großmutter zu beschreiben, und die Toskana als Schauplatz bot sich einfach an.

 

„Sterne über der Toskana“ ist der dritte Band einer Saga. War das Schreiben an diesem Band anders für dich als die Arbeit an den vorherigen Bänden?

 

Ja, weil ich dieses Mal unter großen Zeitdruck geschrieben habe. Ursprünglich sollten die „Sterne“ Anfang 2020 erscheinen, dann hat der Verlag den ET auf Juli 2019 vorgezogen und den Abgabetermin auf 01 April. Aber es war auch anders, weil in diesem Roman der 2. Italienische Unabhängigkeitskrieg eine Rolle spielt und ich mich mit den blutigen Schlachten von Magenta und Solferino befassen musste – und das erste Mal eine Schlachtenszene geschrieben habe.

 

Wie bist du bei der Recherche für die Schlachtenszene vorgegangen? Und wie hast du dich dabei gefühlt, darüber zu schreiben?

 

Es geht um die Schlacht von Solferino. Die war übrigens heute vor 160 Jahren – auf meiner Autorenseite auf Facebook gibt es ein paar Infos dazu. Ich habe zunächst Henry Dunants "Eine Erinnerung an Solferino" gelesen, seine erschütternde Darstellung der unfassbaren Verhältnisse nach der Schlacht, dem Leiden und dem Sterben der Verwundeten. 
Zum Hintergrund: Henry Dunant war ein Schweizer Geschäftsmann, der eigentlich mit Napoleon III. über die Lizenz für eine Ölmühle in Algerien sprechen wollte. Er traf nach der Schlacht von Solferino in Castiglione ein, wohin man die meisten Verletzten gebracht hatte. Er war so erschüttert, dass er sein eigentliches Vorhaben vergaß und freiwillige Helfer organisierte, um das Leiden zu mindern. Dank ihm machten die Helfer keinen Unterschied zwischen den Soldaten hinsichtlich ihrer Nationalität. Berühmt für diese Einstellung wurde die Losung "Tutti fratelli" (Alle sind Brüder) der Frauen von Castiglione. Unter dem Eindruck des Grauens von Solferino gründete Henry Dunant später das Rote Kreuz und wurde Mitbegründer der Genfer Konvention.

 

Das Jugendbuch "Die Brüder von Solferino" beschreibt die Schlacht und die Zeit danach aus der Perspektive eines jungen Österreichers, auch das ist sehr erschütternd.

Bei der Beschreibung der eigentlichen Kriegshandlungen und der Stimmung im habsburgischen Heer, waren die Bücher von Hans Wachenhusen ("Halbmond und Doppeladler" und "Tagebuch vom italienischen Kriegsschauplatz") sehr hilfreich. Wachenhusen war ein zeitgenössischer Roman- und Reiseschriftsteller, später dann Kriegsberichterstatter, und beschreibt mit einem scharfen Blick fürs Details und feinem Humor. Wirklich lesenswert.

 

Es gibt in Solferino ein Ossarium, ein "Beinhaus", in dem Tausende Totenschädel und Knochen aufbewahrt werden, die in den Jahren nach der Schlacht zufällig von Bauern beim Pflügen gefunden wurden oder die man ausgegraben hat. Jeder hat eine Geschichte, war einmal ein Leben. Das Gefühl, dort zu stehen, kann ich nicht beschreiben, da fehlen mir die Worte (Anmerkung: Foto unten in der Slideshow).

 

Beim Schreiben der entsprechenden Szenen habe ich dann tatsächlich das erste Mal während des Schreibens geweint. Das ist mir noch nie passiert, dass ich bei meinen eigenen Texten heulen musste.

 

Setzt du dir Schreibziele? Wenn ja, welcher Art?

 

Ich versuche, 1000 Wörter pro Tag zu schreiben. Das klappt mal gut (manche Szenen „fließen“ einfach) mal weniger gut. Bei der Arbeit an den Sternen habe ich gemerkt, dass ich unter Zeitdruck konsequenter arbeite.

 

Hast du Rituale oder Herangehensweisen, die dir dabei helfen, ins Schreiben zu kommen?

 

Eigentlich nicht. Meistens lese ich das, was ich am Tag zuvor geschrieben habe, noch mal durch. Ich kann am besten morgens schreiben und versuche, das auch einzurichten.

 

Planst du oder schreibst du deine Romane einfach drauflos? Welche Vorteile hat das Planen für dich?

 

Ich plane, allerdings nicht jedes Detail. Ich muss wissen wo die „Reise“ hingeht, wo sie endet und wo die Probleme auftauchen. Aber dazwischen passiert auch viel, was mir erst während des Schreibens einfällt und meine Nebenfiguren machen sich sehr gerne selbstständig und überraschen mich, indem sie sich völlig anders entwickeln als geplant.

 

Der Vorteil des Planens ist, dass keine Plot- oder Logiklöcher auftauchen. Meinen ersten Roman habe ich drauflos geschrieben und stand plötzlich vor dem Problem, dass etwas gar nicht funktionieren konnte und ich viel umschreiben musste.

 

In deiner Autorenbiografie auf der Homepage des aufbau Verlags steht, dass auf deinen Reisen bereits Romanideen entstanden sind, du jedoch erst mit der Umsetzung dieser Ideen beginnen konntest, als deine Kinder aus dem Haus waren. Dass das Schreiben erst wieder einen höheren Stellenwert einnimmt, sobald die Kinder erwachsen sind, beobachte ich bei vielen Autorinnen, aber auch Autoren. Liegt es an der fehlenden Zeit? An der fehlende Muße?

 

Ich habe innerhalb von zwei Jahren drei Kinder bekommen (1991 unseren Sohn und 1993 unsere Zwillingsmädchen), da fehlten Zeit und Muße. Solange die Kinder klein waren, kam ich noch nicht mal zum Lesen und später hatte ich das Schreiben aus den Augen verloren.

 

Deine Romane haben eines gemeinsam: starke Frauen. Wie konzipierst du deine Protagonistinnen? Gibt es Vorbilder? 

 

Eigentlich nicht. Sie sind auch nicht von Anfang an stark, sondern sie entwickeln sich während der Geschichte aufgrund der Situation in die sie kommen. Sarah aus den Albatrossen hält sich für unkonventionell und merkt erst, als sie aus ihrem doch sehr bequemen Leben gerissen wird, dass sie im Grunde sehr angepasst ist und ihr Leben nach den Erwartungen anderer Leute ausgerichtet hat. Erst am Ende ihre Reise, legt sie das Korsett aus gesellschaftlichen Erwartungen ab.

Antonella ist ein 19-jähriges Bergbauernmädchen, die brav macht, was ihre Eltern und die Dorfgemeinschaft erwarten, bis sie aus ihrem Dorf fliehen muss und sich auf den Weg nach Genua macht. Während dieser Reise wächst über sich selbst hinaus.

Gianna, die Protagonistin aus Teil 3 ist behütet aufgewachsen und glaubt, sie wüsste wie ihr Leben verlaufen wird – bis der Krieg kommt.

 

Kannst du etwas über die Recherche zu deiner Toskana-Trilogie erzählen? Wie lief sie ab? Hast du auch in der Toskana recherchiert?

 

Wie schon erwähnt, waren wir beinahe 30 Jahre lang einmal im Jahr in der Toskana.

„Die Tochter der Toskana“ spielt allerdings zum großen Teil in den Apuanischen Alpen, einer eher unbekannten Region. Also haben mein Mann und ich dort ein B&B gebucht, um vor Ort zu recherchieren. Dabei hatte ich das unglaubliche Glück, dass die Inhaberin des B&B, in dem wir übernachtet haben, Historikerin ist. Sie erzählte mir von der außergewöhnlichen Lebensweise in den Bergen, wo die Männer mit ihren Schafen Ende Oktober in die Maremma zogen und erst im Mai zurückkehrten, und auch von den Esskastanien, ohne die die Menschen in den Dörfern in den Wintern verhungert wären. 

 

Ansonsten recherchiere ich sehr viel im Internet und auch sehr gerne in zeitgenössischen Büchern, alten Reiseberichten, usw. 

 

Deine Bücher werden im aufbau Verlag verlegt. Wie lief die Verlagssuche für dich? Hättest du dir auch vorstellen können, deine Bücher selbst zu publizieren?

 

Meinen Erstling habe ich angefangen, ohne überhaupt ans Veröffentlichen zu denken. Irgendwann packte mich der Ehrgeiz, ich suchte mir Testleser, überarbeitete das Manuskript mehrfach und schließlich wurde es 2014 beim HarperCollins Imprint Books2read veröffentlicht. Ein Jahr später folgte die Fortsetzung „Das Geheimnis des Nordsterns“. Für „Die Tochter der Toskana“ suchte ich dann eine Agentur und hatte das Glück, dass Anna Mechler von „Lesen & Hören“ sich für die Geschichte begeisterte. Sie hat das Manuskript und die beiden Folgebände an den Aufbau Verlag vermittelt. Nachdem 2018 die Rechte an den beiden Albatros-Bänden an mich zurückfielen, hat Aufbau auch diese beiden ins Programm aufgenommen.

Selbst publizieren kam für mich nicht infrage, ich bin nicht gerade ein Marketing-Genie und historische Romane laufen in der Regel auch im Buchhandel besser.

 

Stichwort Marketing: Was ist dein persönlicher Marketingtipp, der dir hilft, dich und deine Bücher bekannt zu machen? 

 

Siehe oben: Ich habe keine Ahnung. Ich habe über Leserunden einige Fans gewinnen können, aber den ultimativen Tipp habe ich nicht.

 

Was war dein größtes Glück als Autorin?

 

Der erste Verlagsvertrag 2014. Und dass ein Projekt, das ich unbedingt schreiben will, weil es einer wunderbare, wahre Liebesgeschichte ist, letzte Woche nach monatelangem Warten eine Heimat gefunden hat.

 

Arbeitest du gerade an einem neuen Projekt? Magst du etwas darüber erzählen?

 

Ich würde sehr gerne etwas darüber erzählen, aber ich darf noch nicht. Nur so viel: Es ist wieder ein historischer Roman, dieses Mal mit Protagonisten, die nicht erfunden sind, sondern wirklich gelebt haben.

 

Welche drei Tipps kannst du Schreibanfängern geben?

 

Lesen, viel lesen. Bei den Büchern, die man liebt schauen, wie der Autor schreibt, wie er es schafft, dass man mitfiebert. 

Schriftstellerforen sind ein guter Platz, um sich erste Rückmeldungen zu holen – allerdings muss man gut mit Kritik umgehen können. Ich habe unglaublich viel im DSFo ( Deutsches Schriftsteller  Forum) gelernt, auch in dem ich an den Texten von anderen Leuten gearbeitet habe.

 

Viel Geduld haben und sich ein dickes Fell zulegen.

 

Wo können dich deine Leser im Internet finden?

 

Zurzeit nur auf Facebook, meine Homepage muss generalüberholt werden.

 

 

https://www.facebook.com/Karin.Seemayer.Autorin/

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